Kein nationales DPP-Gesetz — aber EU-Export erfordert volle Konformität
Die Schweiz ist kein EU-Mitglied und damit nicht unmittelbar an die ESPR (EU) 2024/1781 gebunden. Eine eigenständige Schweizer DPP-Pflicht besteht derzeit nicht; Schweizer Behörden, Normungsstellen und Verbände begleiten die EU-Entwicklung über Produktesicherheit, Kreislaufwirtschaft und Exportförderung.
Für Schweizer Exporteure gilt dennoch: Produkte in betroffenen Kategorien, die in den EU-Markt gelangen, benötigen den DPP unabhängig vom Herstellungsort. Der erste harte Termin ist der 18. Februar 2027 für EV- und LMT-Batterien sowie Industrie-Batterien über 2 kWh. Weitere ESPR-Produktgruppen folgen schrittweise über delegierte Rechtsakte im Arbeitsplan 2025-2030. Ohne DPP drohen je nach EU-Mitgliedstaat Marktzugangsprobleme, Produktrückrufe und Sanktionen.
Zuständige Behörden in der Schweiz
- SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) — Primäre Bundesbehörde, die ESPR/DPP-Entwicklungen für die Schweiz beobachtet; koordiniert das Gegenseitige Anerkennungsabkommen (MRA) mit der EU; erstellt Regulierungsfolgenabschätzungen
- BAFU (Bundesamt für Umwelt) — Leitet die nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie und die USG-Umsetzung (neue Art. 35i/35j Produktanforderungen seit 1. Januar 2025); kein DPP-Mandat, aber relevanter Partner für LCA-Daten und Umweltkriterien
- Switzerland Global Enterprise (S-GE) — Bundesexportförderung; informiert Schweizer Exporteure über DPP-Pflichten über Swiss Business Hubs im Ausland; kostenpflichtige Beratung
- SNV (Schweizerische Normen-Vereinigung) — Vollmitglied von ISO und CEN; vertritt Schweizer Interessen in internationalen DPP-Normungsprozessen; veranstaltete DPP-Informationstag am 10. November 2025
- GS1 Schweiz — Technischer Infrastruktur-Enabler (GTIN, GS1 Digital Link, EPCIS, QR-Codes); bereits laufende Pilotprojekte mit Burckhardt Compression (Kompressorventile) und Swisspearl (Fassadenplatten)
Förderungen für Schweizer Unternehmen
- Innosuisse — Innovationsprojekte mit Umsetzungspartner — 50–60 % der Forschungspartnerkosten werden übernommen; Projektbudgets typischerweise 130.000 CHF bis über 500.000 CHF; Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung explizit förderfähig; 4 Einreichrunden pro Jahr
- Innosuisse — Startup-Innovationsprojekte — Bis 500.000 CHF nicht rückzahlbarer Zuschuss; Innosuisse übernimmt bis zu 70 % der förderfähigen Kosten; Jahresbudget ~160 Mio. CHF (2025–2028)
- Kantonale Förderprogramme — Hightech Zentrum Aargau (Kreislaufwirtschaft und Energieeffizienz für KMU), Innovation Zurich / Ahead Zürich (Startups und KMU in Nachhaltigkeit und Digitalisierung); kantonale Steuervergünstigungen über Patentbox und F&E-Abzüge (effektive Körperschaftsteuersätze 11–21 % je nach Kanton)
Seit der Unterzeichnung des EU-Programmes Agreement am 10. November 2025 ist die Schweiz rückwirkend ab 1. Januar 2025 wieder mit Horizon Europe, Euratom und Digital Europe assoziiert. Innosuisse und kantonale Förderungen bleiben für DPP-nahe Pilotprojekte wichtig; bei Horizon- oder Digital-Europe-Vorhaben gelten die jeweiligen Ausschreibungsbedingungen.
Verbände und Industrie-Kontext
- Swissmem (Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie) — ~1.100 Unternehmen; veranstaltete ESPR/DPP-Seminar (Juli 2024); betont, dass EU als Hauptabsatzmarkt ESPR für Schweizer MEM-Unternehmen direkt relevant macht; warnt vor fragmentierten Nationalansätzen
- FH (Fédération de l'industrie horlogère) / Fondation Haute Horlogerie — Uhrenindustrie (~500 Mitglieder); DPP-Masterclass I (2025) und DPP-Masterclass II (5. Februar 2026, Genf) in Partnerschaft mit dem Aura Blockchain Consortium und Deloitte — Uhren-DPP als Echtheitszertifikat und Zweitmarkt-Enabler
- Swiss Textiles — Programm "Sustainable Textiles Switzerland 2030" (STS 2030) gemeinsam mit SECO und BAFU; Textilien sind im ESPR-Arbeitsplan 2025-2030 eine priorisierte Produktgruppe; konkrete DPP-Pflichten entstehen durch spätere delegierte Rechtsakte
Besonderheit Uhrenindustrie: ~95 % der Schweizer Uhrenproduktion wird exportiert, die EU ist ein Hauptabsatzmarkt. Aura Blockchain Consortium (LVMH, Cartier/Richemont, Prada) hat bereits Millionen Luxusprodukte digital erfasst — der DPP funktioniert hier als Echtheitszertifikat, Graumarkt-Schutz und Storytelling-Tool gleichzeitig.
DPP nach Branche
Die DPP-Pflichten unterscheiden sich je nach Produktkategorie. Für Schweizer Unternehmen — stark in Chemie/Pharma, Uhren und Präzisionsmaschinen — besonders relevant:
- Chemikalien & REACH — SVHC-Deklaration, Safe & Sustainable by Design — Novartis, Roche, Lonza und Schweizer Pharmachemiehersteller betroffen, auch für CH-Exporte in den EU-Binnenmarkt
- Batterien & Akkumulatoren — Batteriepass ab 18. Februar 2027 — für Schweizer Batteriehersteller (Leclanché, Bühler) und Importeure von EV-Batterien in die EU verpflichtend
- Elektronik & Elektrogeräte — RoHS/WEEE und künftige ESPR-Anforderungen zu Reparierbarkeit und Recycling — Schweizer Präzisionselektronik und Uhrenindustrie bei EU-Exporten betroffen
- Automotive & Mobilität — EV-Batteriepass 2027 — Schweizer Zulieferer (ABB, Kistler, Endress+Hauser) für EU-OEMs direkt betroffen
- Alle ESPR-Branchen → — Branchenspezifische Fristen, Datenpflichten und Verbände im Überblick
Häufige Fragen Schweizer Unternehmen
Muss ein Schweizer Unternehmen, das nur in der Schweiz verkauft, den DPP umsetzen?
Nein. Da die Schweiz kein nationales DPP-Gesetz hat, besteht für rein schweizinterne Vermarktung keine DPP-Pflicht. Sobald Produkte jedoch in der EU in Verkehr gebracht werden — auch über Händler — gelten die EU-ESPR-Anforderungen vollumfänglich.
Was passiert, wenn kein EU-Bevollmächtigter benannt wird?
Ohne EU-ansässigen Wirtschaftsakteur (Authorized Representative oder Importeur) kann das Produkt nicht legal in der EU in Verkehr gebracht werden. Viele EU-Importeure werden Schweizer Lieferanten ohne DPP ab 2027 ablehnen, um eigene Haftungsrisiken zu vermeiden.
Spielt das MRA (Gegenseitiges Anerkennungsabkommen) eine Rolle?
Das MRA erleichtert die Konformitätsbewertung für bestimmte Produktsektoren, enthält aber keine Ökodesign- oder DPP-Bestimmungen. Schweizer Exporteure müssen deshalb für betroffene EU-Produktgruppen separat prüfen, wer als Hersteller, Importeur oder Bevollmächtigter den DPP bereitstellt.